4 - Außenkammer, Siemens und Stau...

Montag, der 27.1.2020
(von Michael Augustyniak)

   Logo der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer
                                                                            

Nach einer erholsamen (und kurzen) Nacht ging es wieder pünktlich um 7:30 Uhr zu den gastronomischen Köstlichkeiten, die unser Golden Cairo Hotel zu bieten hat.
Um 8:30 Uhr saßen wir alle gestärkt im Hochgeschwindigkeitsbus unseres Fahrers, der uns gekonnt durch den morgendlichen Verkehrs Kairos zu der deutsch-arabischen Außenhandelskammer fuhr.

Nach einer überpünktlichen Ankunft wurden wir an der AHK mit offenen Armen und türkischem Kaffee empfangen. Die AHK ist der erste Ansprechpartner für deutsche Firmen, die in Ägypten ihren Geschäften nachgehen wollen, in Form von Kontaktherstellung, Hilfe mit den lokalen Ämtern und Vorgaben sowie um sprachliche bzw. kulturelle Barrieren zu überwinden. Außerdem erhält man hier am ehesten Informationen über die aktuelle wirtschaftliche Lage im Land.
So erfuhren wir auch, dass aktuell eine sehr disruptive Stimmung in Ägypten herrscht, aufgrund eines aufgenommenen Kredites durch den Staat im Jahr 2016, der an bestimmte Vorgaben gekoppelt war: 

1.     Entkoppeln des ägyptischen Pfundes vom amerikanischen Dollar
2.     Ende der Subventionen von Treibstoff 

Trotz der „angenehmen“ Folgen für die Bewohner (unangekündigte, abrupte Verdoppelung der Lebenshaltungskosten von einem Tag auf den anderen) wurde diese Aktion relativ ruhig hingenommen.

Unsere Verwunderung über den ägyptischen Staat wuchs mit der Info noch weiter, dass 70km neben Kairo die neue Hauptstadt „New Cairo“ errichtet wird. Diese soll neben den bereits vorhandenen 25 Mio. Menschen noch Platz für  weitere 7 Mio. bieten, neben jeglichen Ämtern, Konsulaten und Botschaften. Aufgrund des immensen Wachstums der Stadtbevölkerung klingt das nach einer guten Idee, nichts destotrotz ist es ein sehr ambitioniertes Projekt eine Stadt mit der siebenfachen Kapazität von Köln aus dem Wüstenboden zu stampfen. 
Vorallem, weil der Großteil der Handwerker keine Ausbildung nach deutschem Modell genossen hat, sondern eher frei nach dem Motto „Spucke, Mucke, Klebeband“ agiert  (Spruch des Tages). 
Um dies zu ändern startet aktuell ein Pilotprojekt, bei dem ägyptische Arbeitskräfte nach Deutschland kommen, dort ein entsprechendes Fach erlernen sollen und im Anschluss wieder nach Ägypten zurückkehren sollen. Der Erfolg des Projektes bleibt abzuwarten. 

Neben den (für deutsches Verständnis sehr niedrigen) Durchschnittsgehältern von Arbeitnehmern mit unterschiedlichen Bildungsgraden kamen wir auf das aktuelle Wirtschaftswachstum von Ägypten von 5,6 % sowie den Zukunftsbranchen des Landes, die wie erwartet im Baugewerbe, in der Petrochemie sowie in der IT-Startup-Szene zu erkennen sind. Das Land investiert aktuell sehr hohe Summen in den Ausbau von jeglichen Infrastrukturen, sowohl Stromnetz, als auch Straßen und Kanalisation. Durch den Fund von Erdgas im Jahr 2018 ist es auch nachvollziehbar, dass die Petrochemie aktuell ihre Blütezeit hat. Die IT-Szene ist noch sehr jung, ist aber der langfristige Hoffnungsträger der Region. 

Trotz der sehr angenehmen Atmosphäre und informativen Gesprächs mussten wir schon zu dem nächsten Termin aufbrechen. Um 11:30 ging es vom GIC Tower quer durch Kairo zu Fa. Siemens. Unser Fahrer des Vertrauens brachte uns im besagten Überschallgefährt durch den angenehm fließenden Verkehr Kairos. Für die Strecke von 33 km haben wir eine Rekordzeit von glatt mal 1,5 Stunden gebraucht. 

Fa. Siemens empfing uns mit Kaffee, Tee, Schnittchen und beeindruckenden Projekten, die in Ägypten umgesetzt wurden/werden. 
Das Prestigeprojekt war der gleichzeitige Bau von drei Kraftwerken in verschiedenen Städten Ägyptens mit einer Leistung von 14,4 MW, was aktuell die Hälfte des verbrauchten Stroms pro Jahr in Ägypten ausmacht. 

vereinfachte Darstellung der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Turbinen

Mit einer genialen Mischung von Gas- und Dampfturbinen und dessen unterschiedlichen Kühlungen, konnte der ursprüngliche Wirkungsgrad (wie viel Energie ich in ein System hineingebe und wie viel umgewandelte Energie wieder herauskommt) von 50% auf 62% gesteigert werden. Nachvollziehbar, dass der Großteil von uns mit Schnappatmung und Ohnmachtsunfällen zu kämpfen hatte. 
Dies wurde auch nicht besser, als wir erfuhren dass das komplette Projekt, sprich der Bau und die Inbetriebnahme der drei hochkomplexen Kraftwerken in lediglich 2,5 Jahren vom ersten Spatenstich bis zur Abnahme stattgefunden hat. Um einen greifbaren Vergleich vor Augen zu haben: der Bau des Berliner Flughafens dauert mittlerweile 13 Jahre und es ist noch kein Ende in Sicht.


Unsere Gruppe mit zwei von drei Ansprechpartnern der Fa. Siemens



Mit einer leichten Verspätung von einer Stunde und gefüllten Mägen konnten wir wieder unserer Lieblingsbeschäftigung für den heutigen Tag nachgehen: im Stau stehen. Nach einigen verzweifelten Versuchen Stimmung aufkommen zu lassen, gaben wir auf und kamen letztendlich gegen 18:00 an der Unterkunft an. 
Um die Gruppenstimmung nicht noch weiter zu strapazieren, machten wir uns direkt auf den Weg um eine warme Mahlzeit zu uns zu nehmen und uns mit dem geliebten Gerstensaft einzudecken. 
Da die Stadt gerade zum späten Nachmittag leer ist, gerieten wir auch nicht unter Zeitdruck und mussten nicht Prioritäten setzen ob die feste oder flüssige Mahlzeit wichtiger ist. 

Tobias, rechts im Bild, beim Versuch eine warme Mahlzeit zu bekommen 


Wieder gestärkt machten wir uns auf den Weg zum Flughafen in Kairo und durften vier Stunden auf den Abflug warten. Die anspruchsvolle Aufgabe haben wir natürlich mit Bravur, Witz (und Hopfensaft) gemeistert. 
Unsere kleine Gruppe bei dem Versuch in eine Postkarte reinzupassen 


Nach dem ereignislosen Flug wurden wir von unserem neuen Fahrer des Vertrauens empfangen und im Luxusbus zur Übernachtungsmöglichkeit chauffiert. 
Die Tatsache, dass dieser Bericht jetzt gerade in diesem Bus entsteht und online bearbeitet wird, zeugt von der Qualität des Wunderwerks auf vier Rädern.  


 Wir bei der Überlegung, ob der Bus wohl komfortabler ist als unsere nächste Unterkunft. 


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